Donald Trump und wie er unsere Welt verändert – eine Chance für Europa?

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Die Welt, die wir kennen, ist aus den Fugen geraten! Auf die USA als bisherige Schutz- und Ordnungsmacht können wir uns in Europa nicht mehr verlassen! Drauf müssen wir reagieren – aber wie?

Hätten wir uns vorstellen können/müssen, dass die USA unter Donald Trump innerhalb von nur einem Jahr

  1. militärisch gegen Venezuela vorgehen und sich gefügig machen wird, Kolumbien einschüchtern, Kuba gezielt unter Druck setzen, sich Grönland einverleiben wollen und gezielt offen ihre militärische Stärke einsetzen, um ihre Interessen durchzusetzen? Dazu erhöht Trump die Militärausgaben um 50% auf 1'500 Billionen US Dollar im Jahr 2026.
  2. Mit dem «Zollhammer» wirtschaftlichen Druck auf die bisherigen Handelspartner der USA ausüben und Zugeständnisse erzwingen wird?
  3. Innenpolitisch eine massive Machtausweitung der Befugnisse des Präsidenten erfolgt? Viele unabhängige Behörden und Bürokratien werden neu ausgerichtet oder entmachtet. Grosse Teile des föderalen Verwaltungsapparats werden demontiert. Truppen werden zur Machtdemonstration in die Bundesstaaten entsendet – speziell demokratisch regierte.
  4. Kritiker in den USA von Trump gezielt unter Druck gesetzt und sogar strafrechtlich verfolgt werden? Widerspruch und Kritik werden nicht geduldet.
  5. Menschengemachter Klimawandel negiert wird, das Klimaabkommen von Paris aufgekündigt wurde und die Trump-Regierung auf die Ausbeutung und Verwendung von fossilen Brennstoffen setzt?
  6. Europa bzw. die EU und die NATO Donald Trump ein Dorn im Auge sind: zu starke Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung, zu viel Bürokratie, zu viele Regulierungen (z.B. für die Digitalindustrie), zu kompliziert in den Abstimmungs-Prozessen, zu viel Mitreden im Ukraine-/Russland-Krieg, zu schwache Migrationspolitik, zu geringe Verteidigungsausgaben, etc.
  7. Die Aufgabe der Rolle als weltweite Schutzmacht und der Rückzug aus vielen internationalen Organisationen – inkl. Hilfsorganisationen erfolgen wird?

Die Liste lässt sich weiter fortsetzen. Die ARD hat über Trump und sein Wirken in zwei Dokumentationen am 12.01.26 («Trump & us – Wie er unsere Welt verändert» - Link sowie «Trump und die Tech-Giganten: Das Spiel um Macht» - Link) sowie arte am 13.01.26 («Trumps Amerika – Macht, Wandel, Widerstand» - Link) berichtet.

Wir unterschätzen bei den Veränderungen in den USA auch den Einfluss der US-Tech-Giganten, wie z.B. Elon Musk, Mark Zuckerberg, Peter Thiel und Sam Altman. Sie unterstützen die neue US-Administration und wollen Wirtschaft, Technologie und Politik miteinander verschmelzen. Dabei geht es um Einfluss, Macht und mögliche Konsequenzen für Demokratie und Gesellschaft. Sie unterstützen – genauso wie Trump selbst – das «Project 2025» der konservativen Denkfabrik Heritage Foundation. Es ist das Strategie- und Personalhandbuch für eine konservative US-Regierung ab 2025. Das Handbuch fordert a) eine massive Ausweitung der Macht des Präsidenten über die Verwaltung, b) politische Kontrolle über den öffentlichen Dienst, c) Umbau / Abschaffung zentraler Behörden (wie z.B. des Bildungsministeriums), d) konservative Werte sowie e) restriktive Massnahmen bei Immigration, Umwelt und Abtreibung.

Zur Erinnerung meine Eindrücke vom 07. Mai 2025 (Link): In immer mehr Staaten dieser Welt wird die Gewaltenteilung grob missachtet und populistische sowie machtbesessene Führer meinen, ihre Interessen rücksichtslos umsetzen zu dürfen. Von Russland, China, Nordkorea, Iran, Türkei u.a. wissen wir schon länger, dass sie diese Macht nicht nur intern ausüben, sondern gezielt auch in anderen Ländern, wie beispielsweise in Europa, Asien und Afrika. Und nun auch die USA – unser bisheriger Partner für Sicherheit und Freiheit. Dabei gilt nicht «America first», sondern «Donald Trump first». Anstand und Ethik spielen bei all diesen populistischen Führern keine Rolle. Sie wollen Erfolg um jeden Preis und verkaufen sich als «Gewinner». Wissenschaftlich fundierte Fakten werden einfach negiert sowie Bestrebungen für ökologische und soziale Nachhaltigkeit ausser Kraft gesetzt. Es geht ihnen darum, unsere Demokratien zu destabilisieren und an die Macht zu kommen.

«Demokratie unter Druck»: 2024 ist das erste Mal in über 20 Jahren, dass es weltweit mehr autokratische (91) als demokratische Länder (88) gibt. 72 % der Weltbevölkerung leben in autokratischen Regimes (5,8 Mrd. Menschen) und nur 28 % in Demokratien (Quelle: Webinar-Präsentation vom 27.05.2025 – Link). Und nun fangen die USA unter der Führung von Donald Trump an, sich nicht mehr als zuverlässige Demokratie zu verhalten.

Wir alle wissen, dass Demokratien ihre Schwächen haben, sie schwerfällig sind und es ihnen nicht leicht fällt, wichtige Herausfoderungen konsequent anzugehen. Trotzdem sind sie geschichtlich gesehen, die gerechteste Staatsform für die Menschen. Ihre Stützpfeiler sind Meinungsfreiheit, Menschen- und Freiheitsrechte sowie Gewaltenteilung. «Die Achse der Autokraten» – nun aber auch die USA unter der Trump-Regierung – versuchen, bestehende Demokratien mit ihren hohen Werten – besonders Europa und die EU – zu destablisieren. Dazu unterstützen sie Polarisierung, Fake News und populistische Strömungen/Parteien. Bislang sind unsere Demokratien in Europa auf diese Angriffe nicht vorbereitet und rechte Parteien bekommen mehr Zulauf.

Dazu der LinkedIn-Post von Mirco Lange zum Jahreswechsel 2025/26 (Link)
«Rechte Parteien sind nur ein Symptom. Gute Politik macht sie überflüssig.» Dieser Satz klingt vernünftig, demokratisch und tröstlich. Er suggeriert Kontrolle: Wenn wir nur die Rente sichern und die Brücken sanieren, verschwindet der Hass. Diese Analyse ist nicht nur naiv, sie ist gefährlich falsch. Sie verkennt die Realität moderner Desinformationsstrategien.

  • Destabilisierung: Wir haben es längst nicht mehr mit klassischer Opposition zu tun, die bessere Lösungen für reale Probleme anbietet. Wir erleben eine koordinierte Strategie der Destabilisierung, die völlig entkoppelt von der realen Regierungsleistung funktioniert. Steve Bannon, der Architekt von Trumps Wahlsieg 2016, gab die Strategie vor: "Flood the zone with shit." Ziel ist nicht Kritik, sondern die Überflutung des Diskurses mit so viel Misinformation, dass der Wähler die Orientierung verliert.
  • Project2025: Wer verstehen will, warum "gute Politik" hier ins Leere läuft, muss einen Blick auf das Project 2025 der Heritage Foundation in den USA werfen. Es ist mehr als ein Wahlprogramm; es ist ein Playbook zur systematischen Zerschlagung administrativer Strukturen. Die Strategie besteht nicht darin, den Staat besser zu machen, sondern ihn zu delegitimieren und handlungsunfähig zu machen.
  • Erwartungen: Die Taktik der neuen Rechten basiert auf einer fundamentalen Asymmetrie der Erwartungen. Demokratische Parteien werden an der mühsamen Realität gemessen. Akteure wie Trump oder die AfD operieren im Raum der Fiktion. Sie schrauben Erwartungen ins Unermessliche (sofortiger Wohlstand, geschlossene Grenzen über Nacht), wohlwissend, dass das unerfüllbar ist. Ziel ist die programmierte Enttäuschung, um dann das "System" als unfähig zu brandmarken.
  • Aufmerksamkeit: Dabei nutzen sie (die rechten Parteien) die Ökonomie der Aufmerksamkeit gnadenlos aus. Soziale Medien und ihre Algorithmen belohnen nicht Differenzierung, sondern Empörung. Eine Partei, die konstruktiv an einem Gesetz arbeitet, erzeugt keine Klicks. Ein kalkulierter Tabubruch hingegen schon. Es geht darum, ethische Grenzen zu verschieben und die emotionale Temperatur so weit zu erhöhen, bis rationale Debatten unmöglich werden.
  • Kriseneskalataion: Rechte Populisten nutzen jede Krise; aber nicht, um sie zu lösen, sondern um sie zu eskalieren. Destabilisierung ist kein Nebenprodukt, sie ist das Geschäftsmodell. Wer glaubt, man könne diese Akteure durch "gutes Regieren" befrieden, hat die Natur des Angriffs nicht verstanden. Natürlich entbindet das demokratische Parteien nicht von der Pflicht, Probleme zu lösen. Schlechte Politik liefert Munition. Aber wir müssen aufhören zu glauben, dass "Liefern" allein reicht. Erst recht nicht, wenn es die perfekte Lösung gar nicht gibt, schon gar nicht die schnelle.
  • Strategie: Wir brauchen eine wehrhafte Demokratie, die diese Manipulationsmechanismen benennt, die Algorithmen reguliert und die Propaganda als das bezeichnet, was sie ist: Ein Angriff auf die Wahrnehmung der Realität, gegen den kein Rentenpaket der Welt ankommt.


Was können wir nun tun in Europa?
Der Druck und die Einflussnahmen sind gewaltig – von den USA aber auch von China und Russland.

  • Es gilt diese Bedrohung erst einmal wahrzunehmen und zu verstehen.
  • Europa hat nur als Einheit eine Chance, auf diese Bedrohungen zu reagieren. Die Schweiz muss dabei mithelfen. Die EU und kompetente Repräsentant*innen müssen uns angemessen repräsentieren können.
  • Es gilt unsere Demokratien wehrhafter zu machen und die Propaganda der Populisten zu entlarven.
  • Die Stärken der europäischen Wirtschaft sind wiederzubeleben: Unternehmergeist, Fleiss, Verantwortungsbewusstsein, weniger Bürokratie, Reduzierung der Abhängigkeiten (speziell von den USA, China und Russland). Es braucht massive Investitionen in unsere Infrastrukturen – inkl. Klimaschutz und Schutz der Biodiversität.
  • Schutz vor ungeregelter Migration, kein Missbrauch von Sozialleistungen, glaubwürdige Reaktion auf die Verschiebung der Alterspyramide (Hochsetzung des Rentenalters), erschwingliche Gesundheitskosten, geringere Bau- und Energiekosten.
  • Notwendige Regulierungen der Digitalindustrie und von KI auf europäischer Ebene (wie bereits in Vorbereitung).
  • Die Medien haben den Glauben an ein erfolgreiches Europa zu unterstützen.
  • Europa muss auch wieder «wehrhaft» werden, «abschreckend» wirken können und dafür militärisch aufrüsten. Durch den Druck von Donald Trump ist in diesem Bereich schon einiges passiert – aber es braucht noch viel mehr.

Je stärker Europa wird – wirtschaftlich und militärisch - und je geschlossener und überzeugender Europa als Einheit in der Welt auftritt, desto eher wird Donald Trump seine Meinung und seine Ambitionen korrigieren müssen.

Das tönt nach viel und das ist es auch! Wir befinden uns in einer akuten Krisensituation: es gilt Prioritäten zu setzen und schnell ins überzeugende Handeln zu kommen. Das erfordert Einigkeit und eine «Koalition der Willigen» – ähnlich wie im Ukraine-Konflikt – sowie «Standhaftigkeit». Nur diesmal sind wir als Europa selbst das Ziel. Krisen bieten auch Chancen für die Zukunft! Wir werden aber erfahrungsgemäss durch solche Zeiten nur über erhebliche Einschnitte, die den Bürger*innen auch weh tun werden, kommen. Die Ukraine zeigt uns aktuell exemplarisch, zu welchen Opfern Menschen bereit sind, wenn es darum geht, ihre Freiheit zu verteidigen.

Ein Beitrag von Dr. Ralf Nacke, Hünenberg See, Schweiz (Stand 15.01.2026)