𝗗𝗮𝘀 𝗚𝗲𝗺𝗲𝗶𝗻𝘄𝗼𝗵𝗹 𝘇𝘂𝗿ü𝗰𝗸𝗵𝗼𝗹𝗲𝗻
In den westlichen Industrieländern – inkl. Schweiz - praktizieren wir einen übertriebenen «Individualismus» und scheinen verlernt zu haben, wie wichtig das Gemeinwesen und das Gemeinwohl für unser Zusammenleben sind. Lesenswert ist daher der Beitrag von Antoinette Weibel.
LinkedIn-Beitrag von Antoinette Weibel vom 18.05.26 (Link)
𝗗𝗮𝘀 𝗚𝗲𝗺𝗲𝗶𝗻𝘄𝗼𝗵𝗹 𝘇𝘂𝗿ü𝗰𝗸𝗵𝗼𝗹𝗲𝗻 - das Wort ist verschwunden.
Gemeinwohl. Einst ein ernsthafter Begriff in Politik, Ökonomie und Gesellschaftslehre, heute eine ferne Erinnerung. Wir nennen die Pflege der Mutter Lifestyle. Wir nennen die Vereinsarbeit Privatvergnügen. Wir nennen Sorgearbeit Teilzeit. Und mit jeder Umbenennung verlassen wir das Gemeinwohl ein Stück mehr.
Der Verlust geht tiefer als die Rhetorik. Ein Wort, das verschwindet, nimmt seinen Begriff mit. Und mit dem Begriff verschwindet die Frage, die er stellen sollte.
Was ist das Gut, das wir gemeinsam haben, und wie halten wir es? Diese Frage zurückzuholen, gelingt nur gemeinsam. Drei Traditionen helfen dabei.
Beginnen wir mit Elinor Ostrom. Sie hat jahrzehntelang untersucht, wie reale Gemeinschaften gemeinsame Güter pflegen, von Schweizer Alpweiden bis zu Bewässerungssystemen in Nepal. Ihr Befund hat Marktliberale und Zentralplaner gleichermassen irritiert. Gemeinschaften können solche Güter gut verwalten, ohne sie zu privatisieren und ohne sie dem Staat zu überlassen. Barcelona zeigt, dass dies auch im städtischen Massstab funktioniert. Eine Stadt, die ihre öffentlichen Räume als Commons begreift und entsprechend handelt. Die empirische Tradition zeigt, dass Gemeinwohl möglich ist.
Dann Christian Felber. Mit der Gemeinwohlökonomie zeichnet er die Vision einer Wirtschaft, die dem Aufblühen aller dient. Gemeinwohlbilanzen, die messen, wie Unternehmen zu Würde, Ökologie und demokratischer Teilhabe beitragen.
In der Schweiz baut VERD gerade etwas Verwandtes auf. Eines unserer Pionierunternehmen, das ich interviewen durfte. Eine Purpose-Genossenschaft, bei der ein Teil jeder Transaktionsgebühr in den Gemeindetopf der Bevölkerung fliesst. Geld kehrt in die Gemeinschaft zurück, statt sich bei wenigen zu konzentrieren. 28 Gemeinden, wachsend. Die praktische Tradition zeigt, wie eine zivilere Ökonomie aussehen kann.
Dann Aristoteles. Er sah das Gemeinwohl als etwas, in das Menschen und Gemeinschaften hineinwachsen, kultiviert durch geteilte Praxis und die Disziplin, gut miteinander zu handeln. Polis bedeutete für ihn mehr als eine Stadt. Polis war der Ort, an dem Menschen das gemeinsame Leben übten. Heute entsteht Polis überall dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung tragen. Die älteste Tradition zeigt, wie Gemeinschaften sich auf ein Gut hin entwickeln, das sie zusammen tragen.
Möglichkeit, Vision, Formung. Drei Traditionen, drei Stücke des gleichen verschütteten Begriffs. Eine starke Zivilgesellschaft braucht Räume, in denen sie atmen kann. Eine zivilere Ökonomie braucht Strukturen, die das Geld zurückführen statt es zu konzentrieren. Und beides braucht Menschen, die bereit sind, das Wort zurückzuholen.
Wer Verantwortung in Wirtschaft und Gesellschaft beansprucht, sollte sich fragen, ob er Teil der Aushöhlung ist oder Teil der Wiedergewinnung.
Wer mehr über die Gemeinwohl-Ökonomie erfahren möchte, kann bei www.econgood.ch reinklicken. Weitere Informationen mit Präsentationen und Kurzvideos sind bei unseren Webinaren - z.B. Nr. 1 und Nr. 6 (Link) – und bei den Kern-Lerninhalten hinterlegt – z.B. Modul 8 Gemeinwohl-Ökonomie (Link) und Modul 9 Gemeinwohl-Bilanz (Link) hinterlegt.